die verrückte DROSSEL / the crazy songbird


Foto-80c-(73)-Foto-62f-(02)-die-verrückteWie jedes Jahr wurden wir auf Balkonien ab den ersten warmen Sommertagen von einer Singdrossel musikalisch unterhalten. Sie setzte sich auf den Dachgiebel des nachbarlichen Hauses und zwitscherte eine herrliche Melodie nach der anderen. Warum sich die Drossel dieses von unästhetischem Pilz befallene Dach ausgesucht hat, kann ich nicht nachvollziehen. Egal, jedenfalls hat der Vogel dort eine erhöhte Sitzposition, die auch gerne von anderen Vögeln genutzt wird.

Doch eines Tages wurden wir mit undefinierbaren Geräuschen konfrontiert. Foto-80c-(72)-die-verrückteEigenartiges nicht aufhörendes und sich ständig wiederholendes monotones Pfeifen schallte aus der Nachbarschaft zu uns herüber. Sehr unangenehm und auf Dauer nervten diese bislang unbekannten Töne gewaltig. Da war plötzlich nichts mehr von einer melodischen Berieselung auf Balkonien, sondern es dominierten nur noch diese schrecklichen Geräusche. Doch woher kamen sie? Ich dachte schon, dass sich der Nachbar einen neuen Elektrorasenmäher angeschafft hatte, der wegen Überhitzung anfing zu quietschen. Nein, weit gefehlt, es war auch nicht unsere geliebte Singdrossel, sondern ein Artgenosse, der diese unnatürlichen Laute von sich gab. Foto-80c-(71)-die-verrückteIhr könnte es mir glauben, die waren auf Dauer unerträglich, vor allen Dingen wegen der sich ständig wiederholenden Pfeiftöne. Das ist in etwa so, als wenn man einen Falschton aus einer Blockflöte pustet und diesen immer und immer wieder. Ich glaube, die Blockflöte hätte das nicht lange überlebt, schrecklich!

Doch was tun gegen diese offensichtlich verrückte Drossel. Ich erinnerte mich spontan an eine Holzrassel, die wir vor vielen Jahren immer zu Faschingsfesten mitgenommen hatten. Wenn man dieses Gerät kräftig kreisförmig schwingt, erzeugt man sehr laute knarrende Geräusche, die sogar Hunde und Katzen vertreiben. Nachdem die verrückte Drossel wieder anfing zu pfeifen, schnappte ich mir die Rassel und fing an, sie kräftig zu schwingen. Die Drossel duckte sich sofort erschrocken und flüchtete kurze Zeit später eiligst. SIEG über eine Drossel, dachte ich mir und klopfte mir auf die rechte Schulter.

Dabei hatte ich nicht bedacht, dass Drosseln kein Langzeitgedächtnis haben, denn bereits am nächsten Tag pfiff sie wieder lautstark auf dem Dachgiebel, so dass das Trommelfell unangenehm anfing zu vibrieren. Ich schnappte mir sofort wieder die Knarre, knarrte und die Drossel floh. Das ging einige Tage so und siehe da, die Drossel hatte sich das doch irgendwie gemerkt und jedes mal, wenn ich den Balkon betrat, flog sie sofort davon. Foto-80c-(74)-Foto-62f-(04)-die-verrückteIch brauchte noch nicht einmal mehr zu knarren ihr reichte schon mein Antlitz. Eines Tages war sie sogar gänzlich verschwunden. Erfolg auf der ganzen Linie dachte ich. Im darauf folgenden Jahr war auch die Singdrossel wieder da, die die unterschiedlichsten harmonischen Melodien in den Himmel zwitscherte. Und was inzwischen aus der verrückten Drossel geworden ist, weiß ich nicht. Ich sah sie nie wieder und irgendwie tat sie mir doch ein wenig leid. Aber vielleicht hatte sie ja einen anderen Dachgiebel gefunden und andere Nachbarn, die sie mit ihren Tönen quälen kann.

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