sonntags ist BADETAG


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Vor vielen vielen Jahren, ich war extrem jung und befand mich noch in der Ausbildung, wohnte ich in einem schönen Fachwerkhaus in Niederkaufungen bei Kassel. Insgesamt 3 Familien teilten sich die Räumlichkeiten. Das Haus war auch damals schon sehr alt (vermutlich 18. Jahrhundert) und bot, bis auf fließendes Wasser, wenig Komfort. In jeder der winzigen Küchen befand sich ein kleines Wasserbecken, das morgens überwiegend für die Körperpflege und tagsüber fürs Kochen genutzt wurde. Keine der Wohnbereiche verfügte über ein Badezimmer. Das „Badezimmer für alle“ befand sich Parterre und konnte nur über den Flur betreten werden. Dort stand eine „Wanne für alle“ und ein riesiger Wasserkessel, der mit Holz oder Briketts erhitzt werden konnte. Und da haben wir schon das Problem, denn diesen gewaltige Kessel aufzuheizen war für nur einen Badegast zu unwirtschaftlich, denn der er verschlang sein Heizgut wie ein gefräßiger Pottwal seine Beute. Also wurde für die 3 Parteien im Haus beschlossen: „Nur sonntags ist Badetag, aber für alle“.

Wer jetzt denkt, der Badegast könne sich die Wanne voll füllen und eine gemütliche Badezeit samt Rückenschrubben verbringen, der ist auf dem Holzweg. Der große Kessel gab es von der Füllmenge schon her, aber dann dauerte es eine Ewigkeit nebst öfterem Holznachlegens bis wieder heißes Wasser zur Verfügung stand. Das komplette Verbrauchen des heißen Wassers hätte ebenso zur Folge gehabt, dass der gesamte Zeitplan der immerhin 10 Personen, die am Sonntag baden wollten, durcheinander gebracht worden wäre. Damit der Badeprozess also zügig vonstatten gehen konnte, wurde folgendes festgelegt: 1. Wanne nur ca. 10 cm mit warmen Wasser füllen 2. sich beeilen und 3. auf zeitaufwändiges Rückenschrubben verzichten. Insbesondere die 10 cm waren viel zu wenig und hatten zur Folge, dass der Wasserspiegel – wenn man sich vollständig in die Wanne legten wollte – in der Mitte des Körpers aufhörte. Man musste also permanent plantschen oder sich wie ein Aal rollen, damit der obere Teil des Körpers auch in den Genuss von warmen Wasser kam und nicht abkühlte. Das Badevergnügen war zwangsläufig eher kompliziert und mangelhaft, aber Reinlichkeit musste schließlich sein.

Ihr könnt euch jetzt sicherlich vorstellen, dass ein Neuling, wie ich, davon anfänglich nichts wusste. Also ließ ich an meinem ersten Badetag, das komplette heiße Wasser ablaufen, ließ viel kaltes nachfließen bis es eine angenehme Temperatur erreicht hatte und ging den ganzen Vorgang sehr gemütlich und zeitraubend an. Es dauerte nicht lange, da klopfte es an der Tür mit einem lauten und deutlichen Hinweis, dass ich mich zu beeilen habe, denn es wollen auch noch andere baden. Also gut, dachte ich mir, rubbelte mich ab und verließ das Bad eiligst und hinterließ einen Kessel mit eiskalten Wasser und verloschenem Feuer.

Ihr könnte euch sicherlich vorstellen, was danach los war. Spießroutenlaufen ist dagegen ein sanftes Streicheln mit einer Daunenfeder. Beim nächsten Badevorgang schloss ich mich zwangsläufig den Baderitualen an und da war für mich und die Mitglieder der 3 Familien die Welt wieder in Ordnung.

 (Den vergnüglichen Pinguin hat meine Kamera kürzlich im Tierpark Sababurg beim Baden erwischt. Real war natürlich Samstag Badetag, aber ich fand, dass der Beitrag „Sonntag war…“ am Sonntag besser passte). 

11 Gedanken zu “sonntags ist BADETAG

  1. Auch ich habe dieses „Vergnügen“ mitmachen müssen und die Toilette war unten im Keller. Schrecklich! Später gingen wir in eine öffentliche Einrichtung, wo man ein Bad auf Bezahlung nehmen konnte. Das wurde dann auch immer einmal in der Woche genutzt bis wir in eine Wohnug mit Bad zogen. Hier habe ich dann nach Lust und Laune stundenlang die Badewanne für mich alleine genießen können.
    Lieben Gruß Piri

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  2. Bei uns drei Kindern gab es den Slogan: „Erster Bader beschlagnahmt.“ oder „Letzter Bader beschlagnahmt.“, mittlerer Bader war man ungern, das war nicht Fisch nicht Fleisch. Als erster Bader hatte man das blütenreine warme Badewasser, aber eben ein wenig zu wenig, für den zweite wurde dann warmes Wasser zum schon genutzten, schon etwas ausgekühlten Badewasser dazu laufen lassen, und dem dritten und letzten Bader stand dann die volle Wassermenge zum Sulen zur Verfügung, wenn auch von den Vorbadern verunreinigt, aber … es blieb ja in der Familie.

    🙂

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  3. Elisabeth Berger

    Danke, lieber Alexander, für die schöne Erinnerung💫
    Ich kann mich noch erinnern, daß eine große Blechwanne in die Küche gestellt wurde, für uns Kinder erstmal. In diesem Raum war es nämlich warm. Anschließend wuschen sich die Erwachsenen noch in „unserem“ Wasser😊 Das Wasser wurde in Tiegeln auf dem Holzofen erhitzt.
    Später dann hatten wir auch ein richtiges Bad mit Badeofen. Wir ließen am Samstag oder auch mal Sonntag die Wanne schön warm volllaufen und hatten den „luxuriösen“ Fichtennadelschaum, der über die Wanne quoll. Wir zwei Mädchen saßen wie die Ölsardinen mit der Mama in der Wanne. Der Papa hat dann ergeben gewartet, bis das Wasser im Badofen wieder ein wenig erwärmt war. Er war hart im Nehmen und da mußte das Wasser dann nicht mehr so heiß sein😊 Der Papa war ein großer Mann und war sicher froh, daß er sich alleine in der Wanne ausstrecken konnte. Als wir Mädels dann auch so 4 oder 5 Jahre alt waren, paßte die Mama nicht mehr mit in die Wanne und „durfte“ anschließend in unser Wasser.

    Einen schönen Wochenbeginn und gute Nacht😴
    LG Elisabeth

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